Viele Kinder und Jugendliche fürchten sich vor dem Unterricht und /oder vor Probearbeiten, können nachts nicht schlafen, werden manchmal sogar richtig krank. Dann leiden auch die Leistungen darunter ...

Viele Kinder und Jugendliche fürchten sich vor dem Unterricht und /oder vor Probearbeiten, können nachts nicht

  schlafen, werden manchmal sogar richtig krank. Dann leiden auch die Leistungen darunter.

  Auffallend viele Einzelkinder sind von Schulangst betroffen:

  Zittern, Schweißausbrüche, Bauchweh, Kreislaufattacken, Herzrhythmusstörungen oder gar Ohnmachtsanfälle.
  Woran liegt es, wenn Schüler derart verzweifeln?

  Experten schätzen, dass zwischen 600 000 und 1,2 Millionen der derzeit zwölf Millionen Schüler an einer ausgeprägten

  Form von Schulangst leiden. Sie weigern sich, morgens den Weg in die Schule anzutreten, oder sie quälen sich in den
  Klassenraum, würgen zu Stundenbeginn Brechreiz nieder, können vor Kopfschmerzen dem Unterricht kaum folgen.

  Schulangst ist weit verbreitet

  „Man muss von einer beginnenden Epidemie sprechen“, warnt Wolfgang Oelsner, Leiter der Klinikschule der Kinder-

  und Jugendpsychiatrie der Universität Köln. An seinem Institut werden Schüler mit seelischen Problemen während
  einer therapeutischen Behandlung unterrichtet. Er hat es verstärkt mit Angststörungen zu tun, „mit tragischen Fällen
  einer intellektuellen Überforderung und auch mit Kindern, die dem rauen Konkurrenzklima nicht mehr gewachsen sind“.

  Die Angst packt gerade fleißige, leistungswillige und feinfühlige Kinder, wohlerzogen, mit guten Manieren. Mehr Jungen

  als Mädchen sind betroffen, darunter auffallend viele Einzelkinder. Schnell gelten sie im Umfeld und selbst in der
  eigenen Familie trotz ihres steten Bemühens als Drückeberger, Simulanten, Trantüten oder Feiglinge. Was wirklich
  in ihnen vorgeht, ahnt selten jemand. Die Kinder und Jugendlichen schweigen; ihre Seele verdrängt die Angst, der
  Körper reagiert.

  Null Bock oder echte Panik?

  Unterscheidungshilfen für Eltern, wenn Kinder nicht in die Schule wollen: 

  Kinder, die zu Schulangst neigen, ...

  • sind fleißig, machen Hausaufgaben nach, wenn sie mal gefehlt haben.
  • sind grundsätzlich offen, ehrlich, moralisch, fair anderen gegenüber.
  • schwänzen nie heimlich, bitten aber oft, zu Hause bleiben zu dürfen.
  • laden Freunde lieber ein, als wegzugehen; fühlen sich zu Hause sicherer.
  • fühlen sich unfähig, in die Schule zu gehen, leiden sichtbar.

  Kinder, die einfach keine Lust haben, ...

  • sind oft nur mittelmäßige Schüler, lernen mit wenig Begeisterung, tricksen gern, finden es okay,
    auch mal zu schwindeln
  • schwänzen manchmal die Schule und versuchen, das zu verheimlichen
  • sind am Morgen vor der Schule keinesfalls aufgeregt oder gar ängstlich, nur schlecht gelaunt
  • treiben sich vorzugsweise draußen herum

  Die Schuld an der Misere sehen Psychologen nicht nur beim Lehrpersonal und Mitschülern, sondern besonders bei

  den hohen Ansprüchen von Eltern, die für ihre Kinder nur das Beste wollen. Das ist heute in der Regel das Abitur.
  Nur zu verständlich: Lehrstellenmisere, Bildungsnotstand, Arbeitslosigkeit und Pisa-Probleme, die Hiobsbotschaften
  machen Eltern nervös.

  So schrauben sie ihre Erwartungen an den Nachwuchs höher, damit der später alle Chancen hat. Inzwischen  wünschen sich bereits 60 Prozent aller Eltern, dass ihr Kind mit dem Abitur abschließt.

  Gymnasiasten sind deshalb besonders betroffen.

  Die Marschrichtung wird schon den Kleinsten vorgegeben. Doch leider ist das Gymnasium nicht für alle ideal.

  Tatsächlich haben nur höchstens 30 Prozent eines Jahrgangs am Ende der Schulzeit tatsächlich das Abi in der
  Tasche. Der Rest bleibt auf der Strecke, wechselt in die Real- oder Hauptschule, empfindet das dann als
  Demütigung und zu Hause gibt es deshalb nur enttäuschte Blicke. Das ist Druck pur für die Kinderseele.

 

  Trend zum Verhätscheln

  Alle Eltern erhoffen sich für den Nachwuchs eine gute Bildung, ebenso wie eine sorgenfreie, behütete Kindheit.

  Sie packen ihr Liebstes in Watte: ihr Kleines soll keinen Kummer leiden. Ganz gegen sein eigenes Interesse übrigens.

  Kinder wollen sich durchaus selber durchbeißen. Ab und an ein flaues Gefühl in der Magengrube, weil es gilt, mit Kumpels auf dem Schulhof die Hierarchie allein auszu“diskutieren“; ein paar schlaflose Nächte vor Klassenarbeiten –

  macht gar nichts. Im Gegenteil, es übt fürs Leben.

  Doch stattdessen werfen sich manche Mama und mancher Papa gern zum Schutz zwischen ihr Kind und mögliche

  Kontrahenten, laufen schon bei kleinsten Verwerfungen wie ein Racheengel beim Lehrer auf. Die Folge ist Verun-
  sicherung beim Kind. Zu Hause – das wird nun unbewusst die Überzeugung – ist es doch am sichersten. In der
  Klasse muss man Angst haben, da wird einem dann auch mal schlecht vor Angst.

  Das Kind mutiert so zum Stubenhocker. Wolfgang Oelsner, Fachmann mit Doppelqualifikation als Lehrer und
  analytischer Therapeut: „In der Schule spüren die Kinder, dass es unter Gleichaltrigen derber zugeht, sie ihre
  Kompetenz verlieren und vom Thron gestoßen werden.“ Kinder könnten mehr alleine schaffen, wenn Vater und
  Mutter keine Fluchtwege eröffnen würden.